EFPIA Presseveranstaltung – Stellungnahme zur Branchenuntersuchung in der pharmazeutischen Industrie
Meine Damen und Herren,
der Vorabbericht stellt bedauerlicherweise eine verpasste Chance dar. Er versäumt es, die tatsächlichen Hindernisse für medizinische Innovation und für die Entwicklung neuer Medikamente bzw. den Zugang zu diesen anzusprechen. Dennoch bieten der Bericht und die darin enthaltenen Fakten für uns einen Anlass, erneut auf die Mythen einzugehen, die lediglich für eine Schwächung der Branche und ihrer Fähigkeit sorgen, neue und innovative Medikamente auf den Markt zu bringen.
Lassen Sie mich einige dieser Mythen ansprechen und aufzeigen, wie der Bericht der Kommission selbst diese letztlich als Mythen darstellt.
Mythos Nummer eins: Die forschende Arzneimittelindustrie unterdrückt Innovationen.
Es war dieser erste und einigermaßen unglaubwürdige Mythos, der angeblich überhaupt erst der Anlass für die Branchenuntersuchung war. In der Tat bestätigt die Kommission, unsere Branche sei unerlässlich für die Gesundheit der europäischen Bürger. Nichts in dem Bericht vermag die Unterstellung zu untermauern, unsere Branche würde Innovationen behindern. Dies ist nicht überraschend, da unser Geschäftsmodell auf Innovationen basiert. Ohne Innovationen gäbe es uns schlicht nicht.
Der Vorabbericht bestätigt, dass wir 17% unseres Umsatzes für Forschung und Entwicklung aufwenden, was weitaus mehr ist als in jeder anderen Branche.
Mythos Nummer zwei: Die forschende Arzneimittelindustrie ist gegen einen effizienten Generikasektor.
Es überraschte die Kommission, dass die forschungsbasierte Pharmaindustrie einen leistungsfähigen Generikamarkt sogar begrüßt. Der Grund: Wir hoffen, eine konkurrenzfähige Generikaindustrie wird für die Gesundheitssysteme Einsparungen ermöglichen, die wiederum neu investiert werden können in das, was wir Kopffreiheit für weitere Innovationen nennen.
Insofern glauben wir, die Kommission hat sowohl Ausmaß von als auch Gründe für Verzögerungen beim Zugang von Medikamenten zum Generikamarkt überbewertet.
In der Tat bestätigte die Analyse der Kommission – was auch nicht überrascht – dass dort wo wirtschaftliche Leistungsanreize am höchsten sind Generika innerhalb von sechs Monaten nach Verlust des Patentschutzes oder weniger auf den Markt kommen. Von EFPIA durchgeführte Analysen ergaben, dass in den meisten Fällen in denen mit Generika hohe Erlöse zu erwarten sind, die Nachahmermedikamente innerhalb von drei Monaten auf den Markt kommen.
Wenn die Kommission wirklich an der Gesundheit europäischer Patienten interessiert ist, dann, so glauben wir, sollte sie sich die Frage stellen: Warum beträgt die durchschnittliche Laufzeit bis zum Marktzugang eines lebensrettenden innovativen Medikaments in der EU 14 Monate? Das ist fast fünf Mal so viel wie die Laufzeit der Zulassung für ein Nachahmerprodukt!
Mythos Nummer drei: Die forschungsbasierten Pharmaunternehmen nutzen eine Reihe von Instrumenten, um den Markteintritt von Generika zu verzögern.
Erstens räumt die Kommission selbst ein, dass Patente die Grundlage des Pharmasektors sind und dass Patente geschützt werden sollten, um Innovation zu fördern. Es ist eine unlogische Schlussfolgerung, dass der Bericht die uns zur Verfügung stehenden angemessenen und rechtmäßigen Maßnahmen in Frage stellt, die sicherstellen, dass wir unser geistiges Eigentum gegen Patentverletzungen schützen.
SeitenanfangMythos Nummer vier: Die Pharmaindustrie sorgt für Verzögerungen beim Markteintritt von Generika, die erhebliche Kosten für EU-Gesundheitssysteme bedeuten.
Was die Frage der Einsparungen für das Europäische System betrifft, so glauben wir, dass die Branchenuntersuchung die große Chance verpasst hat, auf die Frage des Wettbewerbs zwischen Generikaherstellern und der Ineffizienz bei der Preisbildung für Generika in den EU-Mitgliedsstaaten einzugehen.
Um Einsparungen vorzunehmen und die Lasten für europäische Konsumenten zu verringern, würde ich als Geschäftsmann die einfachen wirtschaftlichen Gegebenheiten betrachten: Für mich läge der Schwerpunkt nicht darauf, den fast unverzüglichen Markteintritt für Generika von sechs oder drei Monaten auf Null zu senken, sondern vielmehr darauf, wettbewerbsfähigere Generikapreise sicherzustellen. Die Frage ist: Warum zahlen europäische Patienten mehr für Generika als amerikanische Patienten?
Mythos Nummer fünf ist das alte Lied, unsere Branche sei mehr an Vermarktung als an Forschung und Entwicklung interessiert.
Der Bericht der Kommission selbst hat aufgezeigt, dass wir ca. 17% unseres Umsatzes für Forschung und Entwicklung ausgeben, und etwa 23% für Werbung, die aber eher als Information eingestuft werden sollte. Dieses Verhältnis sucht seinesgleichen in jeder anderen Branche und zeigt deutlich auf, dass der Fortbestand unserer Branche von Innovationen abhängt, und nicht von Werbemaßnahmen.
Meine Damen und Herren,
in diesen Zeiten wirtschaftlicher Herausforderungen ist es von entscheidender Bedeutung für Europa, sich auf seine Hochtechnologie-Branchen zu konzentrieren. Die EU-Kommission hat der Branche der Arzneimittelhersteller eindeutig eine hohe Priorität beigemessen. Wir verpflichten uns, bezüglich der Themen, die diese Untersuchung zur Sprache bringt, durch Kooperation und Engagement in einen offenen Dialog mit der Kommission und wichtigen Anspruchsgruppen zu treten. Man wird jedoch an dem Bericht sehen, dass er nichts Neues und Substanzielles enthält. Daher rufen wir heute die öffentliche Hand dazu auf, wirkliche Maßnahmen zu bestimmen und umzusetzen, die ein geeignetes Umfeld für die Stärkung pharmazeutischer Innovation schaffen.
In diesem Zusammenhang ist das lang erwartete Maßnahmenpaket für die Pharmaindustrie ein guter Schritt in die richtige Richtung, und wir bitten die EU-Kommission um schnelle Verabschiedung des Pakets. Ein weiteres positives Beispiel ist die „Innovative Medicines Initiative“, eine gemeinsame wegweisende Initiative der Europäischen Kommission und der forschungsbasierten Arzneimittelindustrie. Daher lautet mein Appell heute – im Namen der europäischen Patienten: Wir sollten unsere Energien für positive Initiativen verwenden, mit denen wir wirklich den Interessen europäischer Patienten dienen können.
VIELEN DANK