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Wenn das Blut Klumpen bildet

Thrombosen bergen große Gefahren. Bayer entwickelt mit Rivaroxaban einen neuartigen Wirkstoff, der der Bildung von Blutgerinnseln vorbeugen soll und als Tablette eingenommen werden kann.

Thrombose-Prophylaxe verhindert gefährliche Gefäßverschlüsse

Bewegungsarmut, etwa durch langes Liegen, verlangsamt den Blut-fluss. Das erhöht die Gefahr einer Thrombose, also einer unerwünschten Blutgerinnung. Besonders zu bedenken ist der Fakt, dass viele Thrombosen von den Betroffenen gar nicht bemerkt werden. Weil allerdings die resultierenden Blutgerinnsel (Thromben) zu gefährlichen Gefäßverschlüssen (Embolien) führen können, etwa in der Lunge, sollte ihrer Bildung vorgebeugt werden.

Dieser Schutz kann mit Gerinnungshemmern (Antikoagulantien) erreicht werden. Wer zum Beispiel operiert wurde und danach ans Bett gefesselt ist, muss damit rechnen, dass die Krankenschwester mindestens einmal am Tag mit der Spritze am Bett auftaucht. In der Regel spritzt sie ein Heparin-Präparat in die Unterhaut. Von dort gelangt der Wirkstoff in die Blutbahn und beugt dort der Bildung von Thromben vor. Eine wirksame Prophylaxe, doch nicht jeder empfindet die regelmäßige Spritze als angenehm und praktisch. Weil Heparine im Magen zerstört werden, verbietet sich aber deren orale Gabe. Hinzu kommt, dass die Notwendigkeit des Spritzens die Anwendung außerhalb des Krankenhauses einschränkt.

Zwar gibt es auch Gerinnungshemmer, sogenannte Vitamin-K-Gegenspieler, die in Tablettenform eingenommen werden können. Allerdings kann die wirksame Dosis von Patient zu Patient stark variieren. Deshalb erfordert die Abstimmung der Dosis regelmäßige Tests auf Blutgerinnungswerte.

Thrombosen können zum Tod führen

Der Bedarf an vorbeugenden Gerinnungshemmern ist groß. Etwa 6,5 Millionen Menschen weltweit sind jährlich von einer venösen Thromboembolie betroffen, also von einer Venenverstopfung, die auf eine Thrombose zurückgeht. Sie gilt als eine der häufigsten Todesursachen. Gelangt ein Gerinnsel in die Lunge, droht eine Lungenembolie. Allein in den USA sterben daran jährlich nahezu 300.000 Menschen.

Risikogruppen sind Menschen mit hohem Schlaganfall- oder Herzinfarktrisiko und darüber hinaus generell solche mit eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten. Das ist zum Beispiel bei Patienten nach orthopädischen Eingriffen der Fall, oder auch bei Krebsleiden, Herzinsuffizienz oder akuten Atemwegserkrankungen.

Wie entstehen Thrombosen?

Die Blutgerinnung ist ein komplexer Vorgang, bei dem eine Reihe von Substanzen eine Rolle spielen, die sogenannten Gerinnungsfaktoren. Eine Schlüsselsubstanz ist dabei der Faktor Xa (sprich: zehn a). Er sorgt dafür, dass das Enzym Thrombin und im nächsten Schritt Fibrin gebildet werden. Die Fibrinfasern bilden schließlich, gemeinsam mit den Blutplättchen, den Thrombus. Dieser Vorgang ist lebensnotwendig, denn im Regelfall verschließen solche Thromben die Wunden. Doch unter ungünstigen Umständen, etwa bei Bewegungsarmut, kann es auch in unverletzten Blutgefäßen zur Pfropfenbildung kommen – man spricht dann von Thrombose.

So wirken bisherige Gerinnungshemmer

Gerinnungshemmer beugen dieser Gefahr vor. Dabei greifen sie an unterschiedlichen Stellen in den Gerinnungsprozess ein. Heparine wirken über den körpereigenen Eiweißstoff Antithrombin und beschleunigen so die Deaktivierung verschiedener aktivierter Gerinnungsfaktoren und stören somit die Fibrinbildung.

Die Gegenspieler (Antagonisten) des Vitamin K unterdrücken die Produktion gleich mehrerer Substanzen, darunter des Faktors X, der Thrombin-Vorstufe Prothrombin (Faktor II) sowie von Signalstoffen, die bei Verletzungen eine Rolle spielen.

Beide Substanzklassen haben entscheidende Nachteile: Der vielfältige Effekt der Vitamin-K-Antagonisten erschwert ihre optimale Dosierung. Heparine wiederum können nur gespritzt werden.

Neuer Hoffnungsträger in Tablettenform

In diesem Zusammenhang könnte der neuartige Wirkstoff Rivaroxaban Hoffnung für die Patienten bieten. Er wirkt direkt auf den aktivierten Faktor X, also den Faktor Xa. Das reguliert die Thrombinbildung – und damit schließlich auch die Gerinnung. Wegen dieses gezielten Eingriffs in die Gerinnungskaskade gelten Faktor-Xa-Hemmer als gut dosierbar.

Rivaroxaban befindet sich derzeit in der Entwicklung und wurde so konzipiert, dass er in Tablettenform eingenommen werden kann. Nach den vorliegenden Studienergebnissen nehmen Patienten die Tablette zur Prävention venöser Thromboembolien einmal täglich. Dies erlaubt die bequeme Anwendung sowohl im Krankenhaus als auch zu Hause. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine regelmäßige Überwachung der Gerinnung, anders als bei Vitamin-K-Antagonisten, nicht notwendig sein dürfte. In den bisher durchgeführten Studien zeigte Rivaroxaban bei einer breiten Palette anderer Medikamente, die häufig begleitend zu einem Gerinnungshemmer gegeben werden, wenige Wechselwirkungen.

Erste Phase-III-Studienergebnisse positiv

Die klinische Entwicklung ist bereits weit fortgeschritten. Sie erfolgt gemeinsam mit Johnson & Johnson Pharmaceutical Research & Development. Die Studien betreffen unter anderem die Prävention venöser Thromboembolien nach großen orthopädischen Eingriffen wie Hüftgelenks- und Knieoperationen. Anfang Juli 2007 wurden erste Ergebnisse einer Phase-III-Studie auf dem 21. Kongress der „International Society on Thrombosis and Haemostasis“ in Genf vorgestellt. In dieser Studie zeigte sich Rivaroxaban wirksamer als der Heparin-Wirkstoff Enoxaparin. Bei Patienten nach einer Kniegelenkersatzoperation war das Risiko einer Thrombose in tiefen proximalen Venen, einer Lungenembolie oder des Todes als Folge einer venösen Thromboembolie um 49 Prozent niedriger, wenn sie Rivaroxaban erhielten, als bei den Teilnehmern, die Enoxaparin erhielten. Das Auftreten schwerwiegender thrombosebedingter Embolien (Thromboembolien) in den Venen war im Vergleich zu Enoxaparin sogar um 62 Prozent reduziert.

Der erste Antrag auf Marktzulassung für die Prävention von venösen Thromboembolien nach großen orthopädischen Eingriffen ist in Europa für Ende 2007 und in den USA für 2008 geplant.

Umfangreiches Entwicklungsprogramm mit weiteren Indikationen

Neben der Prävention venöser Thromboembolien nach orthopädischen Eingriffen umfasst die klinische Entwicklung von Rivaroxaban drei weitere Indikationen, die sich zum Teil bereits ebenfalls in Phase III befinden. Dabei geht es um die Behandlung von Venenthrombosen, um die Schlaganfall-Prävention bei Vorhofflimmern und des akuten Koronarsyndroms (ACS), also schweren Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße.

Insgesamt sollen über 40.000 Patienten an Studien mit Rivaroxaban teilnehmen.

Hinweis für Patienten:
Jeder Körper reagiert anders auf Medikamente. Deswegen können wir Ihnen nicht sagen, welches Medikament für Sie das richtige ist. Bitte fragen Sie Ihren Arzt.

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Foto: Labormitarbeiterin
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